Zum Inhalt springen

ein bedingungsloses Grundeinkommen selbst organisieren

26. Oktober 2010

Vorbemerkungen:

Ein staatliches bedingungsloses Grundeinkommen, sollte es das je einmal geben, bedarf großer gesellschaftlicher Veränderungen. Diese brauchen Zeit. Ein zeitnah umgesetztes bedingungsloses Grundeinkommen geht nur in Selbstorganisation, ist dadurch aber auch machbar.

  • Bei diesem bedingungslosen Grundeinkommen handelt es sich (wie bei allen anderen öffentlich diskutierten Grundeinkommen), um eine spezielle Form des Grundeinkommens. Das bedingungslose Grundeinkommen gibt es nicht.

  • Für ein bedingungsloses Grundeinkommen bedarf es vieler Bedingungen. Bedingungslos ist das Einkommen.

  • Bei der Umsetzung unseres Vorschlags ist uns wichtig: Ein Grundeinkommen muss Armut verhindern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Ein Grundeinkommen unter 1000 € möchten wir in Süddeutschland nicht umsetzen.

  • Personen, die unser selbst organisiertes Grundeinkommen erhalten, sollen dieses bedingungslos erhalten. Ein Grundeinkommen, das zur Bedingung hat, dass teilnehmende Personen einer Erwerbsarbeit nachgehen, möchten wir nicht ausführen. Es soll so organisiert werden, dass jedeR die Wahl hat, „nur“ das Grundeinkommen zu erhalten, oder darüber hinaus auch einer Erwerbsarbeit nachzugehen.

  • Einen Rechtsanspruch für alle können wir in Selbstorganisation nicht verwirklichen. Somit können vorerst nur die Menschen, die sich ein bedingungsloses Grundeinkommen selbst organisieren, dieses auch bekommen.

  • Die Umsetzung unseres bedingungslosen Grundeinkommens setzt eine Gruppe voraus.

  • Der folgende Beitrag ist eine Idee zur Umsetzung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Bei der praktischen Umsetzung werden sich Modalitäten im Gruppenprozess verändern, weil sie den Gegebenheiten angepasst werden müssen.

  • Ein bedingungsloses Grundeinkommen, selbst organisiert oder staatlich umgesetzt, ist eine andere Verteilung der Ergebnisse, die eine Gesellschaft aus Produkten und Dienstleistungen erwirtschaftet. Menschen, die im Verteilungsprozess deutlich mehr Geld bekommen als andere, werden weniger Geld haben. Der Versuch, ein bedingungsloses Grundeinkommen selbst zu organisieren, braucht Menschen, die bereit sind, ihr Einkommen anders zu verteilen, als es zur Zeit gehandhabt wird.

  • Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens verändert die betroffenen Menschen. Eine Voraussetzung für das Gelingen ist die Bereitschaft der Teilnehmenden, sich auf innere Veränderungen einzulassen

praktische Umsetzung

Begonnen wird der Prozess mit 15 – 30 an einem bedingungslosen Grundeinkommen interessierten Personen. Sie schließen sich zu einer Gründungsgruppe zusammen. Die Erarbeitung setzt einen gemeinsamen Prozess voraus. Deswegen ist es sinnvoll, wenn diese Menschen sich teilweise kennen, zusammenarbeiten und sich über einen begrenzten Zeitraum regelmäßig treffen können. Darüber hinaus sollte Grundwissen über das bedingungslose Grundeinkommen und die Beitragsökonomie vorhanden sein. Auch eine Auseinandersetzungsbereitschaft mit zu erwartenden entstehenden negativen Gefühlen beim nichtliquidierenden Tausch (z.b. Neid, schlechtes Gewissen) sollte mitgebracht werden. Um Erfahrungen und Forschungsergebnisse öffentlich machen zu können, bedarf es einiger Menschen aus der Gruppe, die bereit sind, sich zu präsentieren.

Die Gründungsgruppe legt erstens fest, wie hoch das Grundeinkommen und zweitens, wie hoch der Anteil des eventuell vorhandenen Einkommens sein soll, den jeder Einzelne in eine gemeinsame Grundeinkommenskasse ein bezahlt. Damit ist auch festgelegt, wie hoch der Anteil ist, den JedeR über das Grundeinkommen hinaus individuell dazu- verdienen kann. Damit das Grundeinkommen bedingungslos bleibt und keiner aus finanziellen Gründen für die Gruppe seine Arbeitskraft verkaufen muss, muss ein Teil der Grundeinkommenseinnahmen in der Kasse bleiben. Das macht auch für den Fall Sinn, dass zahlungskräftigere Personen die Gruppe verlassen wollen, ohne die Gruppe zu gefährden.

Im folgenden Beispiel bekommen die Mitglieder 1000 € Grundeinkommen und behalten, falls sie ein gewerbliches Einkommen haben, die Hälfte davon für sich:

Person A ist verbeamtete Lehrerin in Teilzeit und möchte das auch vorerst bleiben. Sie hat ein Einkommen von monatlich 2500 €. Sie bekommt nun ein Grundeinkommen von 1000 .€ und gibt die Hälfte ihres gewerblichen Einkommens, also 1250 € in die Grundeinkommenskasse. Die Person A hat somit ein Gesamteinkommen von 2250 €. einschließlich eines Grundeinkommens. Die Grundeinkommenskasse kann somit 250 € monatlich an andere Mitglieder umverteilen.

Person B gibt Gitarrenunterricht, hat ein unregelmäßiges Einkommen von durchschnittlich 600 €. Sie bekommt ein bedingungsloses Grundeinkommen aus der gemeinsamen Kasse von 1000 €. 300 € ihres Einkommens gehen an die Grundeinkommenskasse. Person B hat somit ein Gesamteinkommen von 1300 € einschließlich eines Grundeinkommens. Die Grundeinkommenskasse wird somit mit 700 € belastet.

Die gemeinsame Grundeinkommenskasse zahlt jetzt monatlich 2000 € aus und nimmt 1550 € ein. Es entsteht ein Defizit von 450 € monatlich.

Person C ist Schreinerin und hat ein monatliches Einkommen von 1400 €. Die Arbeit macht ihr Spaß, sie möchte aber nur noch 30 Stunden die Woche arbeiten. Sie wird dann ein Einkommen von 1100 € haben. Sie bekommt ein Grundeinkommen von 1000 €. 550 € ihres Einkommens gehen in die Grundeinkommenskasse. Person C hat somit ein Gesamteinkommen von 1550 €.

Die gemeinsame Grundeinkommenskasse zahlt jetzt monatlich 3000 € aus und nimmt 2100 € ein. Es entsteht ein monatliches Defizit von 900 €.

Person D ist Ingenieur für Umwelttechnologie, hat einen Job in der Windenergiebranche und ein monatliches Einkommen von 4500 € monatlich. Die Arbeit macht ihr großen Spaß, ist aber auch sehr anstrengend. Trotzdem möchte Person D die Arbeit weiter machen. Person D gibt 2250 € in die Grundeinkommenskasse ab. Sie hat somit ein Gesamteinkommen von 3250 € einschließlich des Grundeinkommens.

Die gemeinsame Grundeinkommenskasse zahlt jetzt monatlich 4000 € aus und hat Einnahmen von 4350 €.

Bei diesem Modell bekommen alle Personen unter einem Einkommen von 2000 € mehr aus der Grundeinkommenskasse ausbezahlt als sie ein bezahlen. Bei Menschen mit einem Einkommen über 2000 € ist das dann umgekehrt.

Die Gruppe kann einzelne Faktoren verändern. Senkt sie z.B. den Selbstbehalt des Zusatzeinkommens auf 25 % ab, ist die Grundeinkommenskasse deutlich schneller auszahlungsfähig. Damit sinkt auch gleichzeitig die Grenze derer, die ihren Hinzuverdienst umverteilen, auf etwa 1300 € ab.

Reicht das Geld aus, um allen ein Grundeinkommen auszubezahlen, ist die Gründungsphase vorbei und die Gruppe kann beginnen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das Geld zur Umsetzung dieser Variante zunächst nicht ausreicht, ist relativ hoch. Jetzt wird sich zeigen, wie die Gruppe damit umgeht.

Sie kann z.B.

  1. innerhalb ihres Kreises Modalitäten aushandeln, wie die Grundeinkommenskasse durch andere Verteilung gefüllt werden kann. Beispiel: Die Schreinerin möchte vielleicht lediglich die Zeit für ihre Erwerbsarbeit reduzieren. Ihr Wunsch war es nicht, ihr Einkommen zu erhöhen. Ist sie, und sind andere bereit, sich mit ihren Bedürfnissen auseinanderzusetzen? Ist die Schreinerin – oder andere – bereit, einen höheren Anteil ihres Verwertungseinkommens in die gemeinsame Grundeinkommenskasse zu geben? Spätestens hier beginnt die Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen.

  2. Sie kann einen Förderkreis für die Idee „Umsetzung eines bedingungslosen Grundeinkommens“ entwickeln. Menschen, die nicht direkt teilnehmen wollen, können finanziell dazu beitragen, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen entstehen kann. Spätestens hier wird der Versuch öffentlich und somit politisch relevanter.

  3. Sie kann z.B. nach außen treten und sich um einkommensstärkere Mitglieder kümmern. Schafft es die Gruppe, auf andere Gesellschaftsschichten zuzugehen, sich mit deren Bedürfnissen auseinanderzusetzen, sich den Gefühlen von Abgeben und Bekommen auszusetzen?

  4. Sie kann andere Ideen entwickeln.

  5. Sie kann sie mit einer Beitragsökonomie verknüpfen

Ziele

Entwicklung von neuen Ökonomiesystemen, Förderung von ökonomischen Alternativansätzen

  • In unserem Wirtschaftssystem haben sich mehrere alternative Wirtschaftsformen entwickeln können. Die Hoffnung einiger daran beteiligter Menschen, Keimformen zu entwickeln, die in so großem Maße Nachahmung finden, dass das derzeitige Wirtschaftssystem obsolet werden könnte, hat sich (bisher) nicht bestätigt. Trotzdem halten wir es für sinnvoll, den bestehenden Alternativansätzen weitere Formen hinzuzufügen, in der Hoffnung, spätestens bei einem Wirtschaftszusammenbruch mit tragfähigen Alternativen und den daraus resultierenden Erfahrungen zu einer (oder mehreren) neuen Wirtschaftsordnung(en) beitragen zu können. Mit diesem Projekt wollen wir eine neue Ökonomieform entwickeln, die relativ einfach Nachahmer finden kann.

  • Freiräume schaffen für Menschen, die die Alternativen umsetzen möchten, Aufhebung des Zwangs zur monetären Verwertung der Arbeit

    Die uns bekannte Anzahl an Menschen, die bereit sind, zum Gelingen der Gesellschaft beizutragen, aber damit beschäftigt sind, ihren Lebensunterhalt durch die Vermarktung ihrer Arbeitskraft zu verdienen, ist groß. Häufig wird versucht, sich dafür individuelle Freiräume zu schaffen. Um zeitliche Kapazitäten zu erhöhen, wird der Verkauf der Arbeitskraft begrenzt. Viele engagierte Menschen bewegen sich damit an der Grenze zum Prekariat. Häufig wird eine Arbeit geleistet, die später von Konzernen verwertet wird. Viele der Menschen, die z.B. die Ökologie ins Bewusstsein der Gesellschaft getragen haben, sind, weil sie wenig „gearbeitet“ haben, ohne Altersabsicherung. Konzerne schöpfen Gewinne mit der Vermarktung der Bewusstseinsveränderung. Eine Befreiung aus dem Zwang zur monetären Verwertung der Arbeit ist für eine gemeinschaftlichere Gesellschaftsgestaltung dringende Voraussetzung. Um neue Ökonomieformen zu entwickeln, brauchen Menschen den dafür notwendigen finanziellen oder materiellen Hintergrund. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist dafür eine gute Basis.

  • Entkopplung Einkommen, menschenwürdige Existenz

    Der von der Menschheit geschaffene und der von der Natur zur Verfügung stehende Reichtum reicht aus, um allen langfristig ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Er reicht auch dann aus, wenn ein kleiner Teil der Gesellschaft nicht kooperiert. Er reicht nicht aus, wenn die Freiheit erhalten bleibt, sich grenzenlos an Umwelt und Mitmenschen zu bereichern. Eine Entkopplung von Einkommen und Lebensunterhalt ist alleine deshalb schon nötig, weil nicht für alle Menschen monetär verwertbare Arbeit zur Verfügung steht.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.