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Ein Artikel für die Contraste zum Vernetzungstreffen Gemeinsame Ökonomien im Oktober 2011

3. Mai 2011

Die Unsichtbarkeit Gemeinsamer Ökonomien

Hier zu Lande gibt es eine Vielzahl gemeinsamer Ökonomien (GemÖk, auch: Finanzkooperativen), also Gruppen von Menschen, die ihr Privateigentum zumindest teilweise zugunsten von Gemeinschaftseigentum aufgegeben haben und gemeinsam versuchen solidarisch, hierarchiefrei und bedürfnisorientiert zu wirtschaften. In der Regel führt die Gruppe ein Gemeinschafts-Konto, auf das laufenden Einnahmen eingezahlt werden und über das alle gleichermaßen selbstbestimmt verfügen können. In manchen Fällen sind auch Ersparnisse, Erbschaften und Schulden kollektiviert. Viele der GemÖks sind außerhalb von Kommunen organisiert und agieren im Privaten – ohne Vernetzung und Sichtbarkeit nach außen.

Von Sigrun Preissing. Welche Voraussetzungen braucht Mensch, um sich in einer Gemeinsamen Ökonomie mit anderen wohl zu fühlen? Sicherlich den Willen durch konkretes Handeln zumindest im Kleinen Besitzunterschiede zu überwinden und ungleiche Chancenverteilung aufzubrechen. Vielleicht auch den Wunsch nach Freiräumen. Einen Schritt weg vom Arbeitszwang, von der kapitalistischen Waren- und Verwertungslogik, die jeder Arbeit einen Geldwert zuordnet, unabhängig davon, welchen Sinn diese für Mensch und Mitwelt macht. Freiräume für mich und Andere, die Platz für politische Arbeit, Reproduktion und Regeneration schaffen. Ganz sicher braucht es aber auch die Bereitschaft einen Umgang mit inneren und äußeren Grenzen zu finden.

Innere und Äußere Grenzen

Auch wenn ich die politische Idee verfolge, mit meiner GemÖk durch langfristige solidarische Beziehungen ein gemeinsames Sicherheitsnetz zu bauen, das diejenigen mit geringerem oder keinem Einkommen trägt, das dem gesellschaftlichen Trend der Marginalisierung, Armut und Individualisierung entgegenwirkt, bin ich immer wieder mit der Ungleichzeitigkeit zwischen meinem Denken, Handeln und Fühlen konfrontiert. Selbst wenn ich die Umwandlung von Privat- in Gemeineigentum wichtig und richtig finde, auch danach handle – in meiner GemÖk und anderswo – kann es trotzdem sein, dass mein Gefühl hinterherhinkt. Einfach weil ich es anders gelernt habe oder in meiner Umwelt ständig mit Individualisierung, Wachstumszwang und Profitmaximierung konfrontiert bin. Interessant wird es, wenn die Ressourcen knapp sind. Wie finanzieren wir einem meiner GemÖk-Mitglieder die berufliche Umorientierung, wenn gerade sowieso Ebbe in der Kasse ist? Tief in mir regt sich ein „Kann er nicht einfach weiter als Schreiner arbeiten? Es war doch gar nicht so schlimm und verdient hat er auch besser. Ich muss ja gerade auch ganz schön ranklotzen.“ Hoppla, da war sie wieder die kapitalistische Verwertungslogik. Dabei hatte ich doch schon mal für mich klar, dass ich möchte, dass wir nach unseren Fähigkeiten arbeiten und nach unseren Bedürfnissen leben. Ach und da war ja noch was. Ich wollte ja auch auf meine eigenen Bedürfnisse achten. Ich MUSS ganz schön Ranklotzen? Da hat mich auch noch meine protestantische Arbeitsethik links überholt. Immer wieder wird deutlich: GemÖk bietet viel Raum für gemeinsame und individuelle Reflexion. Über Arbeitsverhältnisse, Konsummuster, Wohlstand und Bedürfnisse.

Schwerpunkte für die inneren Grenzen sind von Person zu Person und von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich. Viel hängt davon ab, welchen Umgang ich mit Austausch, Gegenseitigkeit und Vertrauen gelernt habe. Entscheidend ist aber auch, in welchen Rahmenbedingungen sich die Gruppen bewegen. Sind die Einkommensunterschiede in der Gruppe sehr groß? Sind die Lebensrealitäten der Mitglieder sehr unterschiedlichen? Haben sie Kinder? Sind Eltern zu versorgen? Gibt es große Unterschiede bezüglich der Konsumgewohnheiten? Gibt es viele Überschneidungen im Alltag oder leben alle an weit voneinander entfernten Orten? Bin ich bereit, Vertrauen in mein Gegenüber aus mir selbst heraus zu generieren oder mache ich den Umweg über die Kontrolle?

Grenzen werden auch von Außen gesetzt. Wer in einer GemÖk solidarisch mit anderen wirtschaftet und in Kontakt mit Ämtern tritt (z.B. durch den Bezug von Hartz IV) wird immer wieder von Außen individualisiert. Auch unser Erbrecht sieht keine Gemeinsamen Ökonomien außerhalb der Ehe vor.

Für diese und andere Herausforderungen entwickeln GemÖks kreative Lösungen. Manchmal wird über lange Zeiträume diskutiert, mit sich und den Anderen gerungen, bis ein stimmiges Konzept dafür ausgearbeitet ist, wie z.B. mit Flügen umgegangen wird, wie eine solidarische Ausstiegsregelung aussehen kann, wie für die Ausbildung von Kindern in der GemÖk gesorgt werden kann oder wie im Fall der Fälle das Erbe einer Person geregelt wird.

Vernetzung der GemÖks und FinanzKoops

Da zahlreiche gemeinsame Ökonomien im Privaten agieren und ausschließlich über persönliche Beziehungen miteinander vernetzt sind, verbleibt ein großer Reichtum an Erfahrungen, Wissen und Lösungsansätzen im kleinen Kreis. Für die einzelnen Gruppen und auch für Menschen, die nach solidarischen Alternativen zu herrschenden Modellen von Alltagsökonomie, Arbeit und Eigentum suchen, ist das ein großer Nachteil. Sie könnten voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen. Auch das gesellschaftsverändernde Potential durch Ausstrahlung auf andere Menschen bleibt auf der Strecke.

Um der Vereinzelung der unterschiedlichen Gruppen entgegen zu wirken haben nun vier gemeinsame Ökonomien ein Wochenendseminar zum Erfahrungsaustausch und zur Vernetzung von bestehenden GemÖks und FinanzKoops organisiert. Es wird vom 28. bis 30. Oktober 2011 in Kassel stattfinden. Vor allem soll auf diesem Treffen Platz sein, konkrete Fragestellungen und Problemlagen aus den unterschiedlichen GemÖks zu diskutieren und sich über Erfahrungen, Modelle, Lösungsansätze aus anderen Gruppen zu informieren. Der zweite Teil des Seminars dient der Vernetzung nach Innen und Außen. Es wird sich zeigen, ob die TeilnehmerInnen ein Interesse daran haben, sich zukünftig auch finanziell gegenseitig zu unterstützen. Ob es einen gemeinsamen Topf für Notlagen geben könnte oder gar ein Finanzausgleichsmodell. Auf dem Programm steht auch die Frage, ob die GemÖks in Zukunft gemeinsam nach Außen aufzutreten möchten um das Modell FinanzKoop bekannter zu machen. Spannend an diesem Punkt ist die Frage: An welchen Punkten wird eine Gemeinsame Ökonomie oder eine FinanzKoop eigentlich politisch?

Vernetzungstreffen von gemeinsamen Ökonomien und Finanzkooperativen

Freitag 28. – Sonntag 30. Oktober 2011

Karoshi, Gießbergstraße 41-47, 34127 Kassel.

Anmeldung und Informationen: ranuk@web.de

Anmeldeschluss Ende September 2011


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